Ziele loslassen
7. Mai 2016 von Mareike Steger

Ziele loslassen, aber richtig!

Von klein auf bekommen wir eingetrichtert, wie wichtig es ist, Ziele zu haben im Leben. Es gilt als Stärke, an einer Sache dranzubleiben – ob beim Abnehmen oder im Büro. Aufgeben? Ist etwas für Schwächlinge. Warum Loslassen nicht Versagen heißt und wie du es schaffst, glücklicher zu werden, verraten wir hier.

Wenn Ziele und Pläne unglücklich machen

Sie ist berüchtigt, diese Frage in Bewerbungsgesprächen: „Wo wollen Sie in fünf Jahren stehen?“ Wer da nicht wie aus der Pistole geschossen antwortet, ist raus. Denn Personalchefs suchen zielstrebige Angestellte. Menschen, die wissen, was sie wollen. So etwas lernt man doch im Elternhaus! Und so wird aus Hänschen ein Hans, der eine steile Karriere hinlegen will. Für andere steht auf ihrer To-do-Liste, sich bald eine eigene Wohnung leisten zu können. Einen Marathon zu laufen. Oder die einzigartigste BFF/beste Tochter/unglaublichste Liebhaberin zu sein.

Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Ziele zu haben, ist nicht verwerflich, im Gegenteil. Es ist lebensnotwendig, sagt Psychologin Christine Hoffmann: „Ziele geben uns Orientierung und Sicherheit.“ Sich von ihnen zu verabschieden, ist schwer. Es macht nämlich Angst. Unser Gehirn mag Abschiede und Trennungen nicht – und unterscheidet dabei nicht, ob man Menschen oder Plänen Adieu sagt. Hinzu kommt: Wenn wir an unseren Vorstellungen, wie unser Leben auszusehen hat, schon sehr lange hängen, sind sie längst Teil unseres Ichs geworden. Das macht es noch schwerer, sie aufzugeben. Loslassen braucht verdammt viel Mut – und ist daher keineswegs Aufgeben aus Faulheit oder anderen niederen Gründen.

Wie hat es John Lennon so schön gesagt? „Leben ist das, was passiert, während du dabei bist, andere Pläne zu schmieden.“ Dummerweise sind Pläne, die man geschmiedet hat, oft nicht die eigenen. Sondern resultieren aus den Erwartungen anderer, der Eltern etwa, und sind von uns übernommen worden. Diese Ziele erreichen wir besonders schwer, weiß Expertin Hoffmann: „Weil sie nicht unsere eigenen Bedürfnisse repräsentieren.“ Schlimmstenfalls werden solche Pläne für die Zukunft sogar zur Belastung. Studien zeigen: Wer unrealistische Pläne nicht aufgibt, leidet häufiger Migräne und Depression, fühlt sich gestresst. Wer also irgendwie unzufrieden ist, sich unglücklich fühlt, sollte als erstes seine Bedürfnisse hinterfragen: Was willst du?

Ziele loslassen

Dabei ist wichtig zu wissen, sagt Hoffmann, dass wir „unsere Bedürfnisse mit unterschiedlichen Zielen erreichen können.“ Heißt: Wer beispielsweise Anerkennung sucht, versucht dies in der Regel im Job. Doch genauso gut ließe sich Anerkennung auch anderswo finden, im Freundeskreis etwa. „Die Kunst ist, einmal gefasste Lebensziele nicht als unumstößlich anzusehen“, sagt die Psychologin. Manchmal muss man seine Pläne an die Gegenwart anpassen. Ist der neue Freund ein kleiner Messie, dem man als Ordnungsfan ständig hinterherräumen müsste, darf das Lebensziel „Liebende ziehen zusammen!“ gern hinterfragt werden. Nicht umsonst wird „Living apart together“, das bewusste Beibehalten von zwei Wohnungen, für immer mehr Paare attraktiv.

 

Menschen ohne konkrete Ziele sind übrigens meist glücklicher: „Ihnen gelingt es oft gut, im Hier und Jetzt zu leben. Zu spüren, was man gerade jetzt braucht, ist wichtiger als zu wissen, was man in drei Jahren machen will“, sagt Hoffmann. Ihr Tipp: Setze dir Miniziele. Die sind gut zu schaffen und machen glücklich(er). Je größer hingegen die Ziele sind, desto weniger wahrscheinlich ist der Erfolg.

 

Und woran merkst du, dass es eine Kurskorrektur braucht? Ganz einfach: Wenn du das Ziel nicht mehr attraktiv findest. Nicht mehr von ihm berauscht bist. Oder es gar als Belastung empfindet oder merkst, dass dein Bedürfnis dadurch nicht erfüllt wird. „Es ist eine simple Kosten-Nutzen-Rechnung: Wenn wir merken, dass es sehr viel Aufwand braucht, ein Ziel zu erreichen, es aber nicht klappt, dann ist es Zeit für etwas anderes“, sagt Hoffmann. Welche Fragen dabei weiterhelfen: Was ist am Jetzt eigentlich so schlecht? Was verändert sich wirklich, wenn ich mein Ziel erreicht habe? Ehrlichkeit zahlt sich aus: „Manch Lebensziel stellt sich dann schnell als konstruiert heraus“, weiß die Expertin.

 

Glücklich macht also, sich von Projekten zu lösen, die man gar nicht oder nur unter großen Verlusten erreichen kann. Dazu zählen finanzielle Verluste ebenso wie physische oder emotionale. So wird Loslassen zur soft skill in unserer heutigen Zeit – und der eingangs erwähnte Personaler widerlegt, der „Dranbleiben“ für wichtig hält. Also: Klammere nicht. Lebe! Besonders kostbar sind jene Momente, in denen wir das Leben annehmen wie es ist. Ohne es ändern zu wollen.

 

 

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