Sara Kulka
23. Oktober 2018 von Monika Kaesser

Fragwürdige Erziehungsmaßnahmen

Warum Sara Kulka gegen die Ausstrahlung des Films „Elternschule“ kämpft

Seit Anfang Oktober wird der Dokumentarfilm „Elternschule“ in ausgewählten deutschen Kinos ausgestrahlt. Darin wird der Klinikalltag von verhaltensauffälligen Kindern gezeigt. Nicht nur Eltern sind entsetzt über die rigorosen Erziehungsmaßnahmen.

Erschreckende Einblicke

„Also für uns ist es so: Wenn es jetzt hier nicht klappt, dann müssen wir ihn an ein Heim geben. Ich kann das nicht mehr. Definitiv“, lauten die Worte einer verzweifelten Mutter, die ihren letzten Ausweg in der psychosomatischen Klinik in Gelsenkirchen sieht. Es sind Szenen aus dem deutschen Dokumentarfilm „Elternschule“, der seit 11. 10. in ausgewählten deutschen Kinos gezeigt wird.

Das Kamerateam begleitete für die Dokumentation mehrere Familien bei der stationären Therapie ihrer Kinder in der Abteilung „Pädiatrische Psychosomatik“. Neben der Behandlung der sogenannten verhaltensauffälligen Kinder werden auch die Beziehungen innerhalb der Familie hinterfragt und Eltern an der Hand geführt, was gute Erziehung (nach Auffassung der Klinik) anbelange. Auf der Internetseite der Macher des Films wird geschrieben, welche Kinder in die Klinik gebracht werden: „Kinder im chronischen Stress: Laura schreit 14 Stunden am Tag. Anna kämpft mit ihrer Mutter um alles. Lucy hat noch keine Nacht durchgeschlafen. Joshua wird schnell wütend und beruhigt sich nicht mehr. Mohammed Ali kratzt sich blutig, schläft kaum und jammert den ganzen Tag. Felix trinkt nur Milch, die er gleich wieder erbricht. Zahra isst überhaupt nichts mehr, außer Pommes und Chicken Nuggets.“

Mindestens drei Wochen dauert die Behandlung von Eltern und in erster Linie Kindern, die unter anderem Schlaftraining, Trennungs-Training, Esstraining, Verhaltenstraining, Psychotherapie und Erziehungscoaching enthält.

Radikale Erziehungsmethoden

Der Psychologe Dietmar Langer hat zusammen mit einem Team aus Ärzten, Therapeuten und Pflegekräften diesen ganzheitlichen und durchaus auch radikalen Behandlungsansatz der psychosomatischen Klinik in Gelsenkirchen entwickelt, der sowohl Kindern als auch Eltern einiges abverlangt. Zunächst werden die Eltern befragt und deren Verhalten beobachtet. Den Kern der Behandlungsmethode machen klare Regeln und Begrenzungen aus. Wie sehen diese Behandlungsmethoden bei den Kindern also aus? Schlaftraining bei Kindern sieht zum Beispiel folgendermaßen aus: Das Kleinkind wird in ein Gitterbett gelegt, aus dem es nicht von alleine rausklettern kann. Anschließend wird der Raum abgedunkelt, die Türen verschlossen und die Kinder werden mit einer Nachtsichtkamera beobachtet. Lediglich die Nachtschwester betritt ab und an zur medizinischen Kontrolle mit einer Taschenlampe den Raum. Die Eltern dürfen nicht hinein, auch wenn sich das Kind die Seele aus dem Leib schreit. Die Behandlung dauert so lange an, bis sich das Kind einen bestimmten Schlafrhythmus angewöhnt hat.

Kinder, die sich nur schwer bis gar nicht von ihren Eltern lösen können, durchlaufen das Trennungs-Training. Dabei soll die Trennungsangst überwunden werden, indem sie einfach von den Eltern getrennt und in einen Raum mit fremden Menschen gesteckt werden. Die verzweifelten Kinder werden weder von Außenstehenden noch von den Eltern getröstet.

Eltern sollen in dieser Klinik lernen, vor allem hart zu bleiben. Sprich, gegen den Willen anzukämpfen, das weinende Kind zu trösten oder das schreiende zu beruhigen. Stattdessen sollen sie lernen, die Kinder „kontrolliert schreien“ zu lassen. Ein Beispiel: Während die Kinder zu Beginn der Therapie beim Kinderarzt gründlich durchgecheckt werden, müssen die Eltern in einem gewissen Abstand vom Kind danebensitzen und sich ruhig verhalten, auch wenn das Kind weint und sich mit voller Kraft gegen die Untersuchung wehrt. 87 Prozent der Eltern verlassen diese Klinik angeblich zufrieden und dies solle zeigen, dass die harten Methoden funktionieren würden.

Nun, dass diese harschen Methoden aber stark umstritten sind, versteht sich wohl von selbst. Immerhin gibt es mittlerweile Studien, die belegen, welche negativen Folgen das „kontrollierte Schreienlassen“ von Babys und Kleinkindern hat oder dass Kinder von Natur aus gut und hilfsbereit sind und nicht manipulativ und boshaft, so wie es in dem Film unter anderem dargestellt wird.

Kritische Stimmen werden immer lauter

Kurz vor der offiziellen Ausstrahlung des Films wurde eine Petition ins Leben gerufen, die sich für ein Ausstrahlungsende des Films sowie für die Überprüfung der Klinikabteilung einsetzt. Ziel sind 20.000 Unterschriften, über 18.000 Personen haben bereits unterzeichnet. Model und Mutter Sara Kulka, die durch die Castingshow „Germany’s next Topmodel“ bekannt wurde, zeigt sich entsetzt und fordert ihre Community auf, die Petition gegen die Ausstrahlung des Dokumentarfilms zu unterschreiben.

Sara ist selbst Mutter von zwei Kindern und zeigt auf ihren Social-Media-Kanälen ihre bedürfnisorientierte Erziehung, bei der sie ihren Kindern ganz bewusst viel Freiraum lässt, auf deren Bedürfnisse eingeht und sehr viel Liebe schenkt.
In einem weiteren Posting macht Sara ihrem Ärger über den Film „Elternschule“ Luft.

Viele kritische Stimmen beziehen sich auch auf das Bürgerliche Gesetzbuch (§ 1631 BGB), in dem es heißt, dass Kinder ein Recht auf gewaltfreie Erziehung haben. Demnach seien körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen unzulässig.

Auch Experten melden sich zu Wort, wie beispielsweise der deutsche Kinderarzt, Wissenschaftler und Autor Herbert Renz-Polster. So schreibt er auf seiner Homepage: „Schämen sollten wir uns dafür, dass dieser Film in unserer Gesellschaft nicht mehr Widerspruch bekommt. Schämen sollten wir uns, dass wir ‚das Geheimnis der guten Erziehung‘ wieder in Härte und bedingungsloser Unterwerfung suchen. Schämen sollten wir uns, dass DAS die Hilfe ist, die wir den in Not geratenen Familien anbieten.“

Die Facebook-Seite zum Dokumentarfilm „Elternschule“ haben die Regisseure mittlerweile gelöscht, weil sie den Beschimpfungen nicht mehr standhalten konnten.
Eines zeigt der Film jedenfalls ganz deutlich: das hohe Konfliktpotential beim Thema Kindererziehung.

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